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Mittwoch, 5. September 2007

Atheistische Islamkritik


Sozialpädagogische Islamkritik

Aus der Reihe: Arbeitsmaterialien

für Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen

So genannte Ex-Muslime:

der atheistische Holzweg.

Warum eine nachhaltige Islamkritik

nicht atheistisch sein kann

von Jacques Auvergne

Die im 20. Jahrhundert entstandene manichäische Ersatzreligion des Trotzkismus hat mit Emanzipation, mit Demokratie wie mit Individualität wenig zu tun. Doch genau hier ähneln sich Trotzkisten und Islamisten verblüffend. Ohnehin scheint ein persönliches Oszillieren zwischen Vulgärmarxismus, Kemalismus-Nationalismus und Islamismus unter türkischen Intellektuellen gehäuft vorzukommen und mag ein jeder islamischer Marxismus eine Seite der kollektivistischen Medaille sein, die bei Bedarf umgedreht wird und uns statt des roten Sternes wieder die Medaillenseite des Krummsäbels der Scharia zeigt.

Säkularisten fordern, Religion bzw. Nichtreligion als etwas Privates zu ansehen. Religion als etwas Privates, da sind Ketzermord und Hexenverbrennung wohl überwunden. Da sind der Tribalismus einer halbmodernen Ethno-Gefolgschaft, ’ich wähle den Kandidaten, weil er aus meiner Ethnie stammt’, ebenso überwunden wie der kulturelle Familialismus mit seinem Lebensmotto ’ich habe die religiösen Ansichten meines schariagläubigen Urgroßvaters’. Ex-muslimische Atheisten verspotten in der Hauptsache aber alle Religion, wie sich das für ideologisch reine Atheistinnen und Atheisten gehört. Sicherlich, auch der Spott über Religion hat Europa weiter gebracht, atheistisches Denken hielt und hält den Klerus auf Trab. Doch um religionskritisch zu sein, braucht man der Ersatzreligion Atheismus nicht anzugehören.

Religion als etwas Privates. Deine, meine, ihre und seine Religion, das klingt nach demokratischer Zivilisation, nach kultureller Moderne, doch dem müssen wohl Jahrhunderte der bürgerlichen Kultur vorausgehen. In der Türkei aber gibt es kein Bürgertum. Weshalb Kleinasien noch auf mindestens 3 bis 4 Generationen nicht in die EU kommen kann.

Das europäische Bürgertum begann mit dem norditalienischen Kaufmannswesen und mit der Hanse, zeitgleich mit dem Ergreifen von Hochkultur wie Religion durch die Bürger in Renaissance, Reformation, Aufklärung, Nationalromantik und Totalitarismuskritik. Nach vielen Generationen der Kämpfe gegen Klerus und Feudalsystem wurden von den Bürgern (und evtl. bereits sogar von den Bürgerinnen) Sinnquellen ergriffen und heilige Texte selbst gelesen, wurden Priester ausgebildet, es wurde über Pädagogik nachgedacht, es wurde die Sozialisation reflektiert, kritisiert und verändert. Atheistische Ideen waren das Salz in der Suppe und der Stachel im Fleisch, sie begleiteten den Prozess der Säkularisation Europas. Unter Stalin und Mao jedoch zeigte der Atheismus sein anderes Gesicht, vielleicht sein wahres Gesicht: Atheismus als Staatsideologie, Atheismus als Instrument staatlichen Terrors.

Scharia wie Atheismus sind auf Totalität hin entworfen, auf staatlichen Terrorismus. Scharia wie Atheismus greifen Mythen und Seele an, greifen die Individualität des Menschen an. Seelische Vielfalt wird verspottet, es gäbe Wege, die diabolischen Verunreinigungen abzulegen. Clear werden nennen das die totalitären Scientologen, die mit Individualität oder Demokratie erklärtermaßen wenig im Sinn haben. Gottesfürchtig sagen die monotheistischen Fundamentalisten, rituell sauber, halal, rein von Kufr, unbefleckt von Unglauben. Das sind sie, die in den orientalischen Despotien mit und nach Zarathustra und Mani entstandenen kranken Weltbilder des ’Manichäismus’, wie Harald Strohm in seinem für jede Totalitarismuskritik (also auch: Islamkritik) unverzichtbaren Die Gnosis und der Nationalsozialismus richtig herausarbeitet. Islam ist gerade kein Mythos, Islam ist politischer Totalitarismus, Manichäismus.

Der Teufel der Islamisten ist der Jude, der Polytheist, der Mythenfreund, der oder die Homosexuelle. Der uneingestandene Teufel der radikalen Atheisten, man lese Stalin oder Mao, ist der mythologisch Kundige, der Märchenfreund, der wirklich freie Künstler, der kreative Geist.

Manichäismus ist das Zerschellen der antiken wie naturreligiösen Weltvertrautheit und Weltheimischkeit. Manichäismus ist das Zerbrechen der in jedem Ding Gestalt annehmenden Berührung von Göttlichkeit und Weltlichkeit, Brahman und Atman, Kosmos und Pantheon. Manichäismus ist die Lehre der in Licht und Finsternis verfeindeten Welt. Das Welt- und Lebensgefühl von Mohammed war ganz und gar manichäisch. Kranke Text‑Zeugnisse wie die von al‑Qaida nach dem Muster ’ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod’, Zeugnisse wie der perverse aber hochinteressante Drohbrief auf dem geradezu ’sakral geopferten’ ermordeten holländischen Filmemacher Theo van Gogh sind manichäische Textdokumente.

Manichäismus ist Lehrmethode, Scharia wie Maoismus werden schulisch gelehrt. Ideologie wird immer schulisch gelehrt, die mit ihrem ’Teufel Jude, Teufel Homosexueller, Teufel Nichteuropäer’ durchaus manichäisch zu nennenden Nationalsozialisten entwickelten da prägende Bildungssysteme, HJ und BdM, Ordensburgen und Napola.

Im Orient ist Schule entweder theokratische Koranschule mit bronzezeitlichem Weltbild oder aber Schule der hauptstädtischen Militärverwaltung. Bildung im Islam schwankt beziehungsweise schillert zwischen Scharia und ’Reform von oben’, zwischen Koranschule und ’Ersatzreligion Präsidialkult’. Der Kemalismus sollte mit dem Werkzeug Schule Kurdistan kolonialisieren, die Baath‑Partei die orientalischen Juden, Christen und Jesiden handzahm halten. Leider ist, bislang jedenfalls Schulsystem im Orient weit entfernt selbst von der einstigen Schule im Viktorianismus und Wilhelminismus gewesen.

Tüchtige und mutige einzelne Lehrerinnen und Lehrer gibt es zwischen Kairo und Kabul natürlich auch, und die dürfen wir nicht allein lassen. Die Reformpädagogen wie Pestalozzi, Hahn und Luserke hatten es schwer, und auch Werkbund und Bauhaus litten unter Fundamentalismus und Nationalsozialismus. In Afghanistan sind in den letzten Jahren wiederholt Mädchenschulen angegriffen worden. Frauen sollen nicht frei fühlen und frei fühlen dürfen.

Religion als persönliche Spiritualität zu gestalten, das verlangt ein halbwegs intaktes Umfeld, eine gute Bildung und eine charakterliche Reife. Atheistinnen und Atheisten, wie sehr man ihre oft erfrischende Aufsässigkeit würdigen kann, sie drücken sich um diesen Schritt. Derart lassen atheistisch Denkende die unzählig vielen Opfer der patriarchalen Clans, Wagenburgen und Milieus alleine. So arbeiten Atheistinnen und Atheisten dem neuen oder auch alten islamischen Fundamentalismus zu.

Der Islam greift plurale Weltbilder an, der Islam attackiert die Vielfalt der Welt- und Gottesbilder. Die orientalischen Atheisten geben vor, das nicht zu verstehen, und attackieren das letzte verblieben Bild von Gott, das islamische.

Ein krankes Welt- bzw. Gottesbild kann immerhin noch gesunden, was wir als Nichtmuslime oder auch Muslime dem weltweiten Scharia‑Islam wünschen. Der Atheismus jedoch ist ’kulturelle Moderne auf Knopfdruck’. Der Atheismus leugnet den Schmerz und verspricht ein irdisches Seelen‑Paradies. Stalin, Hitler, Mao, Hubbard: die jeweilige pseudo‑säkulare Version des Nirwana. Die Scientologen tun es den Atheisten hier gleich, auch sie behaupten, die höchste Stufe des Menschseins zugänglich zu machen.

Islam ist Hass auf Mythologie, einen letzten monopolistischen Mythos oder vielmehr bereits Nichtmythos an die Stelle der antiken bunten Göttinnen- und Götterlegenden setzend. Der islamkritische Atheismus greift diese jüngste orientalische Konstruktion scheinbar an. Das mag zu einer Humanität hin befreien – oder auch nicht.

Der Atheismus ist in seiner Totalität aus der Arroganz des Zoroastrismus und Manichäismus nicht wirklich heraus gekommen. Folgerichtig fanden im Namen des osteuropäischen und asiatischen Atheismus unter Stalin und Mao mit die schlimmsten Gräuel der Menschheitsgeschichte statt.

Baath‑Partei und libyscher Planstaat, Halabja und Lockerbie. Saddam Hussein wie Gaddafi köderten die zivilisationskritische europäische Linke mit sozialistischen Formeln, legten bisweilen sogar atheistische bzw. säkular‑modernistische Attitüden an den Tag. Als es dem vorgeblich modernen Hussein kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner an den Kragen ging begann Hussein damit, öffentlichkeitswirksam ehrwürdige Moscheen zu betreten, gewandet in islamkompatible Kittel. Er, den man eineinhalb Jahrzehnte lang nur in militärischer Uniform gesehen hat. Der schrille Dandy Gaddafi, des Flugzeugsprengens seit Lockerbie erwiesenermaßen fähig und 2007 rätselhafterweise Dialogpartner für Europas Regierungen, ließ ein sozialistisch anmutendes und an Maos ’kleines rotes Buch’ erinnerndes Staatsprogramm erstellen, ein Koranprovisorium, ein Koransubstitut.

Ein fürchterlicher Verdacht drängt sich auf: osteuropäische, nahöstliche und nordafrikanische Atheisten sind Muslime2 – Quadratmuslime. Bricht dann der manichäische verneinte Gott der Atheisten zusammen, kommt Allah heraus.

Jacques Auvergne

Sonntag, 2. September 2007

Die Balkon-Mädchen. Über Arzu Tokers Hörspiel

Sozialpädagogische Islamkritik



Aus der Reihe: Arbeitsmaterialien

für Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen

Arzu Toker:

Die Balkon-Mädchen.

Anmerkungen zu einem Hörspiel
Ümmühan Karagözlü

im Gespräch mit Jacques Auvergne

Auvergne:

Mit dem politisch couragierten, moralisch aufrüttelnden und ästhetisch-technisch hervorragend gestalteten mehr als einstündigen Radio-Feature ’Die Balkon-Mädchen’, ausgestrahlt auf WDR4, hat in diesen Tagen Arzu Toker eine wegweisende Arbeit über Frauen und Migration geleistet.

Karagözlü:

Wir erinnern uns an Arzu Tokers nachhaltig starke Kopftuchkritik! Das war grandios, jenes sinngemäße: „Warum soll dann der Mann kein Kopftuch tragen? Wieso ist das Haar des Mannes nicht sexuell erregend – für die Frau?“ Einer der wichtigsten Texte in der Frühphase der nordrhein-westfälischen Kopftuchdiskussion.

Auvergne:

Nun erscheint sie als dezidierte Atheistin?

Karagözlü:

Dagegen wäre erst einmal nichts einzuwenden, die Demokratie lässt das gerne zu. Das ist ihre persönliche Auffassung, auf die sie ein im Grundgesetz verankertes Recht hat.

Auvergne:

Ich würde sogar sagen, dass eine der Wurzeln jeder Demokratie im Atheismus liegt. Von Giordano Bruno über Feuerbach, von Brecht bis zu Alice Schwarzer. Sogar der pantheistische Spinoza und der spirituell wetterwendische Heinrich Heine standen den Traditionslinien des europäischen Atheismus recht nahe. Mit der herrschenden Religion und gegen die herrschende Religion – zwischen diesen Polen spannte und spannt sich der Raum der Demokratie auf.

Karagözlü:

Nun, radikale Gesellschaftskritiker haben stets auch das Gottesbild radikal in Frage gestellt.

Arzu Tokers Aussage, dass Religion stets Privatsache sei, unterstütze ich voll und ganz. Ich persönlich bin keine Atheistin und erarbeite mir ein sehr persönliches Welt- und Gottesbild. Von der Religion oder Nichtreligion meiner kopftuchtragenden Hausnachbarin, meines kreationistisch evangelikalen Arbeitgebers oder meiner SPD‑Bürgermeisterin möchte ich verschont bleiben – das nennt die Demokratie ’negative Religionsfreiheit’, die aus Art.4 GG abzuleiten ist.

Auvergne:

Religion als Privatangelegenheit – das verneint alle Staatsreligion. Viele Territorien bzw. Nationen der Erde hatten oder haben Formen von Staatsreligion. Spanien unter Franco offiziell, die Türkei eher mit struktureller Gewalt, Malaysia und Nordnigeria arbeiten mit Überfällen und Vertreibungen, der patriarchale und feudale Staat Saudi‑Arabien als der so genannte Hüter der heilige Stätten glaubt alle nichtislamischen Symbole unter Strafe stellen zu müssen.

Karagözlü:

Ob in Arbeitswelt, Stadtpolitik oder Nachbarschaft: ’Mobbing, Bedrohung und Diskriminierung religiös anders Denkender’ gilt es in der kulturellen Moderne zu verhindern. Hier stimme ich atheistischen Intellektuellen wie Deschner oder Schmidt‑Salomon durchaus zu.

Betonen möchte ich aber, dass die Verfasssung und der durch sie garantierte Schutz nicht vor der Wohnungstüre endet. Damit möchte ich Arzu Toker sagen, die die patriarchalen Wagenburgen mit am besten kennt und ausgezeichnet kritisiert: Religion ist zwar Privatsache, doch selbst diejenigen, die sich beispielsweise freiwillig zu einem Religionswechsel in den Islam hinein entschieden haben, auch sie besitzen ein Recht auf Schutz. Der Staat muss sich in diesem Falle in die Privatsphäre einmischen.

Auvergne:

Und da siehst du Probleme, der Gruppendruck, das heilige Gefängnis Familie?

Karagözlü:

Ungefähr. Doch auch da lässt Toker die Opfer allein. Toker denkt meiner Ansicht nach nicht viktimologisch genug, sie hat etwas vom schnöden Just-World-Denken. Man verstehe mich nicht falsch: ich freue mich darüber, dass die jugendliche Arzu nicht von Vater oder Onkel getötet wurde. Toker kann ihre eigenen Ressourcen jedoch nicht voraussetzen.

Gerade mit Blick auf das im Feature erwähnte ’Frankfurter Scharia-Gerichtsurteil’, bei dem die nervlich überforderte deutsche Richterin sinngemäß sagte: “Sie hätten wissen müssen, dass marokkanische Ehemänner ihre Frauen nun mal prügeln dürfen“.

Das wissen auch viele europäische Frauen. Aber auch da gilt: Liebe macht blind. Der Geliebte wird sich schon als der Märchenprinz entpuppen, und sei er die einzige Ausnahme von ganz Marokko, der eine Engel unter 100 Patriarchen.

Auvergne:

Ja, die deutschen Mädchen denken leider zunehmend: ich bin nur Jane, wenn Tarzan mir eine knallt. Scharia hat in der pornographisierten Populärkultur … Sex‑Appeal.

Das verliebte künftige Bezness‑Opfer kennt die islamische Ehehölle noch nicht persönlich und in Europa war und ist solches anzusprechen ein Tabuthema. Die ländliche Muslima stellt keine Fragen und nichts in Frage, sie kennt aber auch erst gar keine kulturell moderne, emanzipierte Frau.

Karagözlü:

Ich würde sagen: die jeweilige Frau ist verliebt, und der honeymoon hüllt die jetzigen und künftigen Probleme in milchiges, nebelhaftes Licht, jedenfalls eine lange Zeit. Gewalt in der Ehe, allgemeiner: Gewalt in der Beziehung, das ist ein weltweites, von der jeweiligen Religion und Nationalität unabhängiges Problem, auch im Islam. Ein weltweites Problem.

Außerdem: im Gegensatz zu den Konvertitinnen mit kulturell modernem Sozialisationshintergrund sind die Töchter des traditionalistischen bzw. islamistischen Milieus nicht in der Lage, die Frage ’Warum’ zu stellen, Dinge anzuzweifeln, Neues auszuprobieren. Die meisten sind eingeschüchtert, unterworfen. Viele haben nicht einmal die Sprachkompetenz, geschweige denn die Lesekompetenz um sich zu informieren.

Auvergne:

Die deutschen Frauen – sie heiraten einen Muslim, einen Marokkaner oder Ägypter etwa. Sie können aber doch nicht wissen, was auf sie zukommt, nämlich, dass die Familie des Mannes ihnen die aus Deutschland gewohnte Lebensweise schlichtweg untersagt, nötigenfalls mit Prügel.

Karagözlü:

Die Frauen hätten sich informieren können! Es ist aber menschlich, Fehler zu machen, und: es muss möglich sein, Fehler zu revidieren, sich Hilfe zu holen, eine Ehe ohne Todesangst zu verlassen. Da dieses im Islam erschwert ist, müssen Fluchtpunkte her. Es muss zudem die Möglichkeit geben, polizeilichen Schutz bereit zu stellen.

Rechtsprechung wie im Falle der Frankfurter Richterin darf es nicht geben. Nach der Toker‑Logik aber müsste die Klägerin in dem genannten Prozess ohne Hoffnung und Hilfe bis zu ihrem Tode in der Ehehölle braten.

Hier ist für Europa ein gesellschaftliches Problem entstanden. Es geht nämlich auch um die Verankerung der patriarchalen Gewalt in so genannten heiligen Schriften. Die orientalische Geistlichkeit muss sich von der schriftlich fixierten Männergewalt gegen Frauen distanzieren. Das wird ihr schwer fallen, das wird ein Prozess sein, der Jahrzehnte dauern wird. Der Basis zwischen Senegal und Malaysia, 1,5 Milliarden Menschen immerhin, wird es womöglich noch schwerer fallen, weil sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben.

Auvergne:

Die islamische Erziehung von Mädchen und Jungen muss sich radikal ändern. Abschied von der Gender-Apartheid.

Karagözlü:

Richtig, diese unnatürliche psychische und soziale Rollenspaltung, dieses brutale gesellschaftliche Determinieren der Geschlechterrollen muss ein Ende haben, um eine Befreiung der Frauen – und auch der Männer – und damit Lebensqualität schon hier auf Erden zu erreichen. Vorher wird die kulturelle Moderne für Muslimas und Muslime nicht zu betreten sein. Necla Keleks Thesen sind hier wegweisend, in: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch‑muslimischen Mannes sind sie durchdacht worden.

Auvergne:

Noch einmal zu den angesprochenen Konvertitinnen ohne bzw. auch mit interkultureller Bezness‑Liebesaffäre – oder vielmehr: ohne bzw. mit multikulturellem Bezness‑Missverständnis. Diese zumeist jungen Frauen also, Töchter relativ emanzipierter westeuropäischer Mütter, sie erkennen irgendwann, dass das islamische Religionsrecht oder vielmehr dessen Umsetzung im marokkanischen oder persischen Clan zum Gefängnis wird. Bis auf die fanatisierten Frauen natürlich, und bis auf die seelisch völlig unterworfenen, die mucken vielleicht nie mehr auf. Wieder andere werden gewaltsam weggesperrt, unter Drogen gesetzt, an der Kontaktaufnahme zur Herkunftsfamilie gehindert. Das ist entsetzlich, aber in vielen Fällen, wie wir beide wissen, leider wahr.

Karagözlü:

Und um eben diese Frauen geht es. Und Arzu Toker ist, vielleicht nur durch Zufall, keine von ihnen. Frau Toker genießt in der BRD Personenschutz, an Empathie aber scheint es ihr gründlich zu mangeln. Sie würde sich sicherlich gerne vor einem prügelnden Ehemann retten lassen, notfalls auch aus Marokko. Die Religion der Ehefrau bzw. die des prügelnden Mannes ist nie nur privat. Gewalt ist nie privat.

Es gilt abzuwägen zwischen Rechtsgütern. Das Rechtsgut der körperlichen Unversehrtheit, und das Recht auf Leben, auf Freiheit sind in der europäischen Rechtsauffassung schützenswerter als das Recht auf Religionsfreiheit. Das sieht auch das Grundgesetz auch so. Das Deutsche Volk bekennt sich ebenfalls zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten.

Arzu Toker – so sehr ich ihre Lebensleistung schätze, viktimologisch betrachtet lässt sie viele Frauen sehr allein. Frauen weltweit, denen die Chance auf Emanzipation und Partizipation vorenthalten worden ist und vorenthalten wird.

Auvergne:

Menschenrechte sind für Toker kein zentrales Thema.

Karagözlü:

Den Eindruck muss man leider haben. Das überwiegend so hervorragende Feature hat mich diesbezüglich in einigen wenigen aber wesentlichen Aussagen enttäuscht. Empfehlen möchte ich es gleichwohl.

Auvergne:

Ja, alle in Pädagogik und Politik Tätigen sollten sich das Hörspiel anhören! Werke wie dieses Radio‑Feature ’Die Balkon Mädchen’ von Arzu Toker müssten in jeder Fachschule für Erziehung, in jeder Fachhochschule für Sozialpädagogik auf dem Lehrplan stehen.

Karagözlü:

So sehr ich Arzu Toker zustimme, dass Religion Privatsache ist: Gewalt ist niemals privat. Über Gewalt muss gesprochen werden. Opferschutz hat Priorität – Gewalt muss staatlich verfolgt werden.